Kreatives Schreiben in der Abschlussprüfung

Das Schuljahr rast seinem Ende entgegen. Die schriftlichen Prüfungen sind schon lange vorbei, die mündlichen wurden gerade überlebt und am vergangenen Freitag wurden die restlichen Klassen in der Notenkonferenz abgehakt. Zeit für eine kleine Besinnung.

Einen sehr großen Teil der letzten Wochen habe ich mit der Korrektur von Abschlussprüfungen verbracht. In diesem Jahr war für mich nur Deutsch dran, da ich in keiner Abschlussklasse Englisch unterrichtet habe. Dafür hatte ich in diesem Jahr das Vergnügen mit mehreren Berufsschulklassen und der Berufsfachschule. In beiden Schularten darf sich der Prüfling eine von drei (Berufsfachschule) oder sechs (Berufsschule) Aufgabenarten aussuchen. Bei beiden Schularten im Angebot: Das kreative Schreiben.

Vor allem in der Berufsfachschule erfreut es sich großer Beliebtheit: Man kann nicht viel falsch machen, darf die Gedanken wild fliegen lassen und kann mit Originalität viele Schwächen kompensieren. Ein weiterer Vorteil: Man muss keinen langen Text genau lesen, um die Aufgabe lösen zu können. Aus diesen Gründen kommen bei dieser Aufsatzart meistens vorwiegend gute Noten heraus. Anders gesagt: Es ist schon schwierig, bei dieser Aufsatzart eine Fünf zu produzieren.

Natürlich gönne ich meinen Schülern gute Noten. Allerdings muss die Frage erlaubt sein, was diese Aufsatzart eigentlich in diesen Schularten verloren hat. Schauen wir uns zuerst die Berufsschüler an. Hier gibt es sechs Aufgabenarten:

  1. Inhaltsangabe: Diese Aufgabenart finde ich grundsätzlich in Ordnung. Zumindest in kaufmännischen Berufen wird Mitarbeitern immer wieder einmal abverlangt, Inhalte längerer Texte für Kollegen aufzubereiten. Was hier zu kritisieren ist: Warum nimmt man in der Prüfung Kurzgeschichten? Sinnvoller wäre es meines Erachtens, Sachtexte zu nehmen.
  2. privater Geschäftsbrief: Sowohl in der beruflichen Praxis als auch im normalen Leben muss man immer wieder Geschäftsbriefe verfassen. Diese Aufgabenart ist sehr sinnvoll.
  3. Schaubildbeschreibung: Diese Aufgabenart ist sicher nicht uninteressant, wird aber auch in Gemeinschaftskunde gelehrt. Da viele Schaubilder auch diesen Bereich inhaltlich abdecken, ist diese Aufgabenart in Deutsch überflüssig.
  4. Visualisierung: Auch dies braucht man im Berufsleben immer wieder. Warum man das allerdings in Deutsch machen muss, ist mir schleierhaft. Im betriebswirtschaftlichen Bereich ergäbe diese Aufgabenart weit mehr Sinn.
  5. Stellungnahme (auch freie Erörterung genannt): Es ist wichtig, sowohl im Beruf als auch im Alltag seine Meinung überzeugend zu vertreten. Allerdings sind 120 Minuten nicht viel Zeit für diese Aufgabenart. Gerade weil die Auszubildenden schon ein wenig Lebenserfahrung haben, fällt ihnen meistens zum Thema ziemlich viel ein und sie bekommen am Ende Zeitprobleme. Die Berufskollegs bekommen für diese Aufgabe doppelt so viel Zeit. In dieser Form ist die Aufgabenart daher meines Erachtens nicht besonders sinnvoll.
  6. Das kreative Schreiben: Wenn man nicht gerade Schriftsteller werden möchte, fallen mir wenige berufliche Anwendungen dafür ein (ehrlich gesagt: keine). Im Berufsleben orientiert man sich an Fakten und verfasst auf dieser Grundlage kurze, prägnante Texte. Es ist okay, diese Aufgabenart im Unterricht zu verwenden, um Schreibblockaden zu lösen. Als Prüfungsart ist diese Aufgabe meiner Meinung nach deplatziert.

Die großen Vorteile beim kreativen Schreiben sind für die Schüler, dass sie meistens relativ gute Noten dabei erreichen und außerdem, dass man für diese Aufgabenart wenig lernen muss. Könnte es sein, dass man diese Aufgabenart erhält, um weniger Prüflinge zu haben, die in Deutsch Probleme bekommen?

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