Abschied von der Kontrollillusion

Das Jahr 2021 liegt einen halben Tag hinter uns. Es ist eine häufig gepflegte Tradition, den ersten Tag des neuen Jahres für den Blick zurück, möglichst nicht im Zorn, zu nutzen. Beim Jahr 2021 fällt dies zugegebenermaßen schwierig. Dennoch werde ich am Ende versuchen, zu einem hoffnungsvollen Ausblick zu kommen.

Bis in den April hinein musste ich von daheim aus unterrichten. Volle Schulgebäude waren nicht möglich und die Klasse, die ich unterrichtete, war nicht wichtig genug, um schnell zurückzukehren. Am Ende dieser Zeit konnte ich mir die erste Impfung abholen, denn Lehrer bzw. die mit ihnen verbundenen Schulen galten als systemrelevant. Zu dieser Zeit war der Andrang auf den Impfstoff groß, Bedenken gegen die Impfung hörte man fast nicht, stattdessen regte man sich vor allem über „Impfvordrängler“ auf. Man stritt über den Fall eines Arztes, der seine gefährdete Frau strenggenommen illegal vorzog. „Impfneid“ war ein häufig geäußertes Wort, „Impfskepsis“ eher nicht. Man scherzte bitter darüber, wann wohl die nicht ganz so Alten oder gar die Jungen drankämen und beschwerte sich lautstark über die pannenbehaftete Impfkampagne. Das Impfen war der gefühlte „Gamechanger“, die Möglichkeit, aus diesem Wahnsinn der wiederkehrenden Lockdowns herauszukommen.

Ende Mai die zweite Impfung, das gute Gefühl, bezüglich der Pandemie persönlich „raus“ zu sein. Es gab die Hoffnung, dass sich das Virus totläuft, wenn genügend Menschen geimpft sind. Und diese Marke sei sicher bald erreicht, so motiviert und geradezu gierig viele Menschen auf die Impfung warteten. Dass ich mich an Beschränkungen weiter halten musste, weil noch nicht genügend Menschen geimpft waren: geschenkt. Man würde sich solidarisch verhalten, bis alle aus dem Schlamassel draußen sind.

Der Sommer brachte Entspannung: Die Zahlen gingen deftig abwärts, zwar nicht ganz so wie 2020, aber die Impfung würde das alles doch unter Kontrolle bekommen. Mit dem besseren Wetter kam bei vielen das Gefühl auf, das Virus verschwinde auch ohne eigenen Einsatz: Wenn die Pandemie sowieso bald vorbei sei, wieso solle man sich dem geringen Risiko der Impfung aussetzen. Es reiche doch, dass andere sich dem Risiko gestellt haben. Mitgeliefert wurde diesen Menschen ein leichtes Überlegenheitsgefühl: „Ich weiß es besser als ihr, ich laufe nicht der Spritze nach, ich warte lieber noch ab.“ Wer dies zu hören bekam, war leicht angesäuert, dachte aber nicht, dass sich dies zu einem großen Problem auswachsen würde.
Doch genau dies tat es: Die Impfkampagne litt nicht mehr unter zu wenig Impfstoff, sondern unter zu wenigen Impfwilligen. Die Impfquote stieg von Tag zu Tag gar nicht oder um Zehntelprozentpukte. Waren die Hochrechnungen, wann endlich alle durchgekämpft wären, am Anfang noch zu pessimistisch, ging nun gar nichts mehr voran.

Bei denen, die sich haben impfen lassen, kehrte nach und nach Enttäuschung ein: „Impfdurchbrüche“ wurden in den Medien groß gemacht, aufgrund der niedrigen Impfquote blieben die Beschränkungen. Die Frage kam auf: „Wozu habe ich das alles auf mich genommen?“ Menschen, die gegen die Impfung opponierten, drehten die Dinge auch entsprechend: „Siehste, die Impfung hat dir nichts gebracht. Sie ist wirkungslos.“ Ihren eigenen Beitrag dabei sahen sie nicht. So kippte die Stimmung: Die Impfablehnenden wurden immer lauter, bis auch die Befürworter ungehalten wurden. Es war ein wenig so, als wenn ein Betrunkener einen aus nächster Nähe anpöbelt und mit einer abgebrochenen Glasflasche herumfuchtelt, bis sich sein Gegenüber wehrt, um dann zu reagieren mit: „Was bist du denn so aggressiv? Siehst du, was diese Impfung aus dir macht?“


Da stehen wir jetzt: Gefühlt keinen Schritt weiter als vor einem Jahr. Am Ende des Jahres 2020 gab es die große Hoffnung auf die Impfung als die Maßnahme, die den Wahnsinn beenden würde. Das war sie zumindest 2021 nicht. Jetzt, da Omikron kommt, ahnen wir, dass Impfung, Abstand, Lockdown und viele weitere Maßnahmen uns nicht vor Corona retten werden. Die größere Chance ist, dass dieses Virus endemisch wird, sich gleichzeitig schneller verbreitet und harmloser wird. Ob das so sein wird: Es gibt Hinweise darauf, aber sicher ist nichts. Es ist immer noch möglich, dass prozentual weniger, aber absolut mehr Menschen schwer erkranken und sterben. Das kölsche Prinzip: „Es het noch immer jot jejange“ ist ein Va-banque-Spiel. Verantwortliche Politik sähe anders aus.

Was schlecht gelaufen ist, haben wir hier gesehen: Die großen Hoffnungen des Jahres wurden enttäuscht. Gefühlt ist nichts besser. Was noch schlimmer ist: Die erwartete Wunderwaffe hat nicht gezündet. Warum, sei hier einmal nicht weiter besprochen. Während es Anfang 2021 noch eine Hoffnung gab, ist diese nun anscheinend (oder scheinbar?) dahin. Was soll uns überhaupt noch herausbringen?

Als ich mit meiner lieben Frau spazieren ging und wir darüber sprachen, kam mir die Überschrift für diesen kleinen Artikel in den Sinn: Der Abschied von der Kontrollillusion. Was soll dies bedeuten?

Ich glaube, dass das Gefühl absoluter Kontrolle nicht erst seit Corona eine Illusion darstellt. Wir hätten gerne alles im Leben unter Kontrolle. Hierzu führen wir in Unternehmen und Schulen immer mehr Kennzahlen ein, die wir laufend überwachen (oder neudeutsch: „monitoren“), optimieren uns selbst, indem wir anfangen, auch uns zu vermessen mit Smartwatches, die die wichtigsten Körperfunktionen aufzeichnen und bewerten. Meine Uhr äußert mittags ihre Besorgnis, wenn ich mich morgens nicht genügend bewegt habe. Sie setzt mir neue Ziele in Abhängigkeit von meiner Zielerreichung in der vergangenen Woche. Sie erinnert mich an ausreichenden Schlaf und schickt mich ins Bett. Meine Frau ist manchmal neidisch, weil ich auf sie nicht so gut höre wie auf die Uhr. Im Großen wie im Kleinen versuchen wir, alles im Griff zu haben. Das Scheitern ist außerhalb großer Pandemien lediglich nicht so präsent und offensichtlich. Die Corona-Pandemie hat uns gezeigt: Wir haben nichts in der Hand. In einer Solidargemeinschaft von wahlweise 83 Millionen oder 7-8 Milliarden Menschen muss jeder Mensch seinen Beitrag leisten, doch dieser Beitrag garantiert ihm keinen eigenen Erfolg. Auch Regierungen, die versucht haben, das Virus auszusperren, haben dies nicht restlos geschafft. Es gibt zu viele Wege, wie es wiederkommen kann. Wir leben in einer globalisierten, interdependenten Welt, deren Zusammenhänge und Verstrickungen wir nicht im Ansatz auflösen (oder auch nur erkennen) können. Vielleicht kommt ja auch die neue Lust an der Selbstoptimierung genau daher, dass wir erkennen, dass wir die großen Dinge des Lebens nicht mehr kontrollieren können. Selbstwirksamkeit wird privatisiert, denn öffentlich existiert sie nicht. Das sehen wir jetzt, in einer Krise, deren Ausmaß niemand im Vorfeld richtig einschätzen konnte. Ich glaube sogar, dass Selbstwirksamkeit nur in einem sehr kleinen Rahmen funktioniert, und selbst dort nicht ohne äußere Hilfe.

Daher werde ich im neuen Jahr etwas Neues versuchen, das gar nicht so neu ist: Beten. Wer sich seiner eigenen Beschränktheit bewusst ist, traut sich, sich an jemanden zu wenden, dem man mehr Kompetenz oder Macht einräumt. Nein, ich glaube nicht, dass Gott das Virus einfach so verschwinden lässt. Einige, gerade auch evangelikale, Pastoren und Leiter in verschiedenen Teilen der Welt haben darauf gesetzt, dass genau dies geschieht und sie sich selbst in keiner Weise schützen müssen. Einige von ihnen sind jetzt tot. Beten heißt für mich, demjenigen zu vertrauen, der den Überblick hat. Dabei akzeptiere ich aber weiterhin meine eigene, kleine Selbstwirksamkeit. Das soll heißen: Ich tue, was ich selbst kann, um mich und andere zu schützen. Wer betet, gibt nicht die Verantwortung ab, sondern verabschiedet sich von der Illusion, alles selbst in der Hand zu haben. Dies zu versuchen, ist mein Vorsatz 2022.

2 Gedanken zu „Abschied von der Kontrollillusion

  1. Klaus-Günter Martin

    Interessante Einsichten! Beim Impfen war es für mich anderes ausgegangen. Anfangs sollten die über 60J. Ran mit der ersten Impfung. Da war ich noch nicht 60+! Im August habe ich es dann auf der Site meines Hausarztes versucht, bekamm weder für Ende August noch für September einen Termin. Dann wurde Impfzentrum geschlossen. Anfang Oktober bekam ich Zahngeschichte, dicke Backe mit Grippalen Infekt. Also eine Woche nichts möglich. Seit Sommer zweimal die Woche testen. Dann wurde in NRW 3G Pflicht. Und muss entsprechend planen. Im November begannen Advent impfaktionen. Wie ich dann entdeckte, doch vorher anmelden musste. Erst als die Stadt für ab Dezember kleineres Impfzentrum aufmachte, bekamm ich im dritten Anlauf, anmelden war auf Altersgruppen aufgeteilt worden, für den 6.12.21 einen Termin! Folgend bekam ich keinen analogen Impfpass. Und erst nach der zweiten Impfung, gelte ich 14 Tage später als 2G. Folge alle ehrenamtliche Tätigkeiten im Advent, Hl. Abend die Ich sonst gemacht hätte mussten ruhen. Selbst für den Gottesdienst muss ich bis 20.01.22 Test nachweisen. Da gab es auch den Fall das, das Ergebnis nicht kam oder an falsche e-mail ging und per iPhone nicht zugreifen könnte. Das die Praxis! Zu den entstandenen Diskussionen sei gesagt, die fallen sehr unterschiedlich aus – doch irritiert es wenn Christen für ihre Impfverweigerung populistische Zitate verwenden. Diese hatten digitale Medien dafür verwendet. Diese teilte ich auch nicht. Es ist schon eine Herausforderung für uns alle. Ich persönlich hätte schon vor dem ersten Lockdown Psalm 91 kennengelernt. Gebet und Abendmahl spielen, neben dem Verhalten eine Rolle und da kommt es auf Jeden an. Gebet bleibt wesentlich für uns alle, ohne das Vertrauen (=Glauben) auf Jesus sein Wort werden wir da nicht raus kommen. Wir sind an Raum und Zeit gebunden, und haben nicht den vollen Überblick. Deshalb bin ich zurückhaltend mit „Jesus kommt bald“ Thesen. Das sind gewisse Wunschvorstellungen. Eher das sind: erst die Anfänge. Tut was ihr könnt, um eine bessere Welt zu hinterlassen, den Kriesen sind eine Aufgabe für die Gemeinde Jesu. Beten, Handeln, standfest bleiben. Sich gegenseitig ermutigen. ( Ein arbeitsloser Christ in wachsender Gemeinde ) Shalom K-G. Martin

  2. Benni

    Lieber Jochen,
    danke für diese Gedanken, die im besten Sinne anstößig sind.
    Das Verhältnis von Selbst, Gemeinschaft, Schöpfung und ja, auch Gott, wird durch die Pandemie immer wieder neu aufgerüttelt und hoffentlich kommen Menschen dadurch ins Umdenken.

    Schön mal wieder was von dir zu hören 🙂

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